Macht ein Echtzeit-Dashboard Journalisten zu Klickjägern?
Wenn der Erfolg einer Redaktion nur noch daran gemessen wird, welche Geschichten die meisten Klicks sammeln, läuft etwas schief. Eine aufwendige Recherche kann dann gegenüber einer schnell geschriebenen Aufregermeldung ziemlich schlecht aussehen. Zumindest auf dem Bildschirm.
Die Kritik an Echtzeit-Analytics im Journalismus ist deshalb nachvollziehbar. Clickbait, Quotendruck, die ständige Jagd nach dem nächsten Ausschlag: Das sind berechtigte Sorgen. Wer die Zahlen ständig vor Augen hat, kann irgendwann anfangen, seine Arbeit vor allem danach auszurichten.
Wir entwickeln mit NowMetrix selbst ein Echtzeit-Analytics-Tool für Redaktionen. Gerade deshalb sollten wir uns mit dieser Kritik beschäftigen.
Dass Zahlen etwas mit Menschen machen, ist gut dokumentiert. Die Forscherin Caitlin Petre beschrieb schon 2015 in einer Untersuchung für das Tow Center, wie Reichweitenzahlen und Ranglisten unter anderem Konkurrenz, Bestätigung, Druck und Selbstzweifel auslösen können. Ein Dashboard beeinflusst, worauf Menschen achten und wie sie ihre Arbeit bewerten.
Für uns gehört aber auch eine andere Erfahrung mit Zahlen zu dieser Diskussion: Mit der Zeit kann ein Gefühl für die eigene Website entstehen. Dafür, wie sich der Tag entwickelt, welche Geschichten Menschen erreichen und wo gerade etwas passiert, das einen zweiten Blick verdient.
Am Anfang sieht man vielleicht vor allem eine Zahl: So viele Menschen sind jetzt auf der Website. Mit der Zeit bekommen die Bewegungen mehr Kontext. Man kennt den Verlauf eines gewöhnlichen Vormittags. Man sieht, was nach einem Newsletter passiert. Man bemerkt, wenn ein älterer Artikel plötzlich wieder gelesen wird oder eine Geschichte länger Aufmerksamkeit erhält als erwartet.
Dieses Gefühl entsteht durch das Zusammenspiel von Beobachtung und redaktioneller Erfahrung. Man weiss, was veröffentlicht wurde, welche Platzierung sich geändert hat und welche Ereignisse den Tag bestimmen. Die Zahlen ergänzen dieses Wissen.
Sie können dabei auch die eigenen Annahmen infrage stellen. Vielleicht findet ein vermeintliches Nischenthema mehr Aufmerksamkeit als gedacht. Vielleicht wird eine sorgfältige Erklärung noch gelesen, während die aktuelle Meldung längst wieder aus dem Blick verschwunden ist. Solche Beobachtungen können Anlass sein, einem Thema mehr Raum zu geben.
Wie hilfreich das sein kann, zeigt ein einfaches Beispiel: Eine Redaktion hat vor einigen Monaten erklärt, welche Rechte Fahrgäste bei Zugausfällen haben. Während einer grösseren Störung wird dieser Artikel plötzlich wieder häufig aufgerufen.
Für das Team stellen sich jetzt sehr konkrete Fragen. Stimmen die Informationen noch? Haben sich die Entschädigungsregeln geändert? Funktionieren die weiterführenden Links? Braucht der Artikel einen Hinweis zur aktuellen Situation?
Wenn die Redaktion die neue Aufmerksamkeit bemerkt, kann sie den Beitrag prüfen, während Menschen ihn gerade nutzen. Darin liegt ein redaktioneller Wert, der über die Zahl der Aufrufe hinausgeht.
Auch wenig Aufmerksamkeit kann eine hilfreiche Beobachtung sein. Angenommen, eine Redaktion veröffentlicht eine wichtige Geschichte über die Finanzierung der örtlichen Schulen. Der Artikel wird kaum aufgerufen.
Das allein sagt wenig darüber aus, ob das Thema die Menschen interessiert. Vielleicht steht der Beitrag weit unten auf der Startseite. Vielleicht ist die Überschrift so abstrakt, dass niemand erkennt, was die Entscheidung für die eigene Familie bedeutet. Vielleicht braucht das Thema mehr Zeit.
Bevor die Redaktion daraus den Schluss zieht, solche Geschichten künftig seltener zu machen, lohnt sich ein Blick auf diese Möglichkeiten. Eine präzisere Überschrift oder eine verständliche Erklärung der Folgen kann einem wichtigen Thema helfen, sein Publikum zu finden. Dabei muss der Titel selbstverständlich halten, was er verspricht.
Die Grenzen der Zahlen bleiben trotzdem bestehen. Ein Aufruf verrät zunächst, dass eine Seite aufgerufen wurde. Daraus lässt sich weder Zustimmung noch Vertrauen oder journalistische Qualität ablesen. Und die Menschen, die die Website gar nicht erreichen, bleiben in dieser Perspektive weitgehend unsichtbar.
Auch aus einer steigenden Kurve lässt sich die Ursache nicht immer eindeutig erkennen. Eine prominentere Platzierung, ein externer Link oder ein aktuelles Ereignis können eine Rolle spielen. Wer aus Zahlen lernen möchte, muss ihren Kontext mitdenken und weitere Beobachtungen hinzunehmen. Das Reuters Institute beschreibt genau diesen Anspruch: Analytics sollen redaktionelles Urteilsvermögen durch relevante Informationen ergänzen.
Deshalb braucht eine Redaktion eine klare Vorstellung davon, wofür sie ihre Live-Daten verwendet. Eine Rangliste der meistgelesenen Artikel eignet sich schlecht als Rangliste der besten journalistischen Arbeit. Themen, Zielgruppen, Platzierungen und Veröffentlichungszeitpunkte unterscheiden sich dafür zu stark.
Ebenso wichtig ist die Freiheit, eine Geschichte unabhängig von ihrer aktuellen Reichweite weiterzuverfolgen. Ein Missstand verdient Recherche, auch wenn er zunächst nur wenige Menschen betrifft. Eine sorgfältige Einordnung braucht ihren Platz, auch wenn eine unterhaltsame Meldung gerade viel mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Dazu gehört im Alltag auch, den Bildschirm wieder aus dem Blick lassen zu können. Niemand muss während einer Recherche jede Bewegung der Besucherzahlen verfolgen. Live-Daten sind dann hilfreich, wenn eine konkrete Entscheidung ansteht. Ob eine Geschichte über Wochen Wirkung entfaltet, braucht ohnehin einen längeren Blick und andere Formen der Rückmeldung.
Für uns ergibt sich daraus ein klarer Anspruch an NowMetrix: Redaktionen sollen schnell verstehen können, was auf ihrer Website gerade passiert. Sie sollen Hinweise bekommen, mit denen sie ihre Arbeit besser zugänglich, aktueller und hilfreicher machen können.
Ein gutes Gefühl für die Website schliesst dabei ein, die Zahlen einordnen und gelegentlich bewusst übergehen zu können. Manchmal bleibt eine Geschichte auf der Startseite, weil die Redaktion sie für wichtig hält. Auch wenn eine andere gerade mehr Klicks bringt.
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